Donnerstag, 25. November 2010
Gold gab ich für Eisen - dabei sein ist alles
(geschrieben am 11.9.2010)
Eine meiner beiden Großmütter soll im Verlaufe der zweiten größeren deutschen Auslandsmission im vergangenen Jahrhundert unter anderem folgende Begebenheit beobachtet haben : Nach einem Bombenangriff auf die Stadt Bonn standen angeblich zwei ältere Schwestern vor ihrem lichterloh brennenden Haus und freuten sich - "Endlich sind wir diesen ganzen Kram los, den wir unser Leben lang angesammelt haben und mit uns herumschleppen mußten." Egal, ob das nun wirklich in dieser Form passiert ist oder nicht... so und nicht anders sollte die angemessene Reaktion auf derartige Ereignisse aussehen, ganz im Sinne der Fight-Club-Philosophie "Dinge, die Du besitzt, besitzen früher oder später Dich", aus der folgt, daß man materielle Verluste nicht etwa beklagen, sondern diese als Befreiung von Zwängen begrüßen sollte. Und sollte es sich denn fürwahr derart zugetragen haben, so waren die zwei Damen vom Niederrhein würdige Seelenverwandte des mächtigen Tyler Durden.
Bedauerlicherweise ist diese sportliche Einstellung heutzutage äußerst selten zu beobachten, genau genommen so gut wie gar nicht. Im Gegenteil, es wird gejammert, geheult und gewehklagt, daß sich die Balken biegen - "Bohooo, mein 71er E-Type V12 hat `nen Sprung im Scheinwerferglas, da gibt´s doch keine Ersatzteile mehr für, ich hab schon bei E-Bay geguckt.... mein schönes Auto! Was ist das für ein Gott, der sowas zuläßt?!" Oder, ein paar Einkommensklassen tiefer - "Fuck, dieses Scheiß-Sozialzentrum will nicht die Kosten für die 60 Kondome übernehmen, die ich im Monat brauche - und wenn ich nicht zweimal am Tag ein Rohr verlegen kann, geh´ ich die Wände hoch! Wo ist diese verdammte Katze?! Miez-miez-miez." ("Oh nein, NICHT Tinker Bell!" - Charles Bukowski)
Wo bleibt der olympische Gedanke, wenn es darum geht, auf etwas zu verzichten oder verzichten zu müssen... Allerorten und ständig findet Wettbewerb statt : Wer hat den Längsten, wer kann mehr Bier trinken ohne zu kotzen, wer verdient mehr, wer kommt als Erster an der Ampel los? Und immer geht dieser Wettkampf nur in eine Richtung - schneller, höher, weiter, fetter, geiler und vor allem : MEHR. In die andere Richtung geht es nur in einer einzigen Beziehung - weniger bezahlen. "Alter! Ohne Gummi, mit richtig küssen, in alle Löcher UND mit Schlucken, und die Torte sah sogar richtig gut aus, und alles für´n Zwanni! Und nu´ kommst DU!" "Geil, Alter." Und wenn es irgend geht, drückt man sich dann später beim Facharzt noch um die Praxisgebühr.
Wettbewerbe, bei denen es z.B. darum geht, bei möglichst geringem Energieaufwand möglichst weit zu kommen, sind grundsätzlich Sache von Sonderlingen und Spinnern. Als ich bei meinen derzeitigen Vermietern zum Kennenlern-Gespräch in strömendem Regen mit dem Fahrrad erschien, lautete die erste Frage "Bist Du´n Ökofreak, oder was?" Mit dem Hinweis darauf, daß ich einfach keinen "Lappen" mehr besitze, konnte ich diese Befürchtung zerstreuen... zur Rettung meiner Ehre sei erwähnt, daß ich direkt nachschob : "So was wie ein Ökofreak bin ich allerdings auch".
Und auch die Leute, die gezwungenermaßen sparen müssen, denken garnicht nicht daran, auf irgendetwas zu verzichten; den Meisten geht es lediglich darum, den gewohnten Lebensstandard irgendwie aufrecht zu erhalten. In einem online-Erwerbslosenforum, das ich gelegentlich aufsuche, gibt es einen ellenlangen Thread "Tipps und Tricks zum Sparen". Neben einigen wenigen wirklich guten Hinweisen, wie etwa dem auf die gute alte Kochkiste ("Und noch nach dem 2. Weltkrieg wurden die Kochkisten z. B. während der Berlinblockade genutzt, um mit dem nur nachts kurz verfügbaren Strom Essen anzukochen und bis Mittags fertig garen zu lassen." Wikipedia), geht es vorrangig darum, irgendwie so viel wie möglich für möglichst wenig Geld in den Backentaschen zu hamstern. Meine Lieblings-Kandidaten sind diejenigen, welche ernsthaft empfehlen, per Internet Sonderangebote herauszusuchen und diese dann per Automobil abzugreifen.... ein paar Milliarden Zeitgenossen wären vermutlich über eine solche Form der Armut überglücklich; jedenfalls für eine gewisse Zeit - so lange nämlich, bis sie bemerken, daß ihr Nachbar sich jeden zweiten Tag Schampus und Hummer in´s Haus liefern läßt, und ihnen auffällt, wie schlecht es ihnen doch geht.
Geiz ist geil, aber der Verzicht ist einfach keine Option. No way. Verzichtet wird erst dann, wenn es wirklich an´s Eingemachte geht. "Gold gab ich für Eisen" heißt es nur, wenn Krieg ist. Irgendwo liegt bei mir noch ein Eisenring aus dem ersten Weltkrieg herum, auf dem dieser Slogan zu lesen ist. Der Kaiser rief, und alle alle kamen. "Auch wenn die Aktion freiwillig war, so wurde ein erheblicher sozialer Druck erzeugt, sich zu beteiligen. Die Soziale Kontrolle der Beteiligung war einfach: Wer den eisernen Schmuck trug, hatte sich als Patriot erwiesen, wer weiter Gold zeigte, verlor an Reputation." (Wikipedia)
Während der zweiten großen Loveparade rief dann der Führer, und so gaben sie ihr Eisen für einen feuchten Händedruck und um einmal stolz in die Kamera der Wochenschau grinsen zu dürfen. Die soziale Kontrolle sah dann wohl so aus : "Wie, Du hast ein Fahrrad?! Volksverräter! BLOCKWART!!" Vielleicht wird ja bald dazu aufgerufen, Mobiltelefone zu spenden. Seltene Metalle wie Tantal und Indium werden knapp, und die wird man brauchen, um die vielen intelligenten Bomben und Kampfdrohnen zu bauen... Was es wohl zur Belohnung geben wird? Aktien vielleicht. Papier gibt´s ja noch in Hülle und Fülle. "Mein Nokia gab ich für Dividende." Hoffentlich drucken sie die Teile mit weichem Papier, damit man sich damit wenigstens den Arsch abwischen kann.
Der wahre Weg ist es vielleicht, nicht nur den Verzicht auf materiellen Besitz zu üben und anzustreben, sondern auch den auf geistiges Eigentum - auf diese ganzen Erinnerungen und Gedanken, die man über die Jahre angesammelt hat. Alzheimers way.... Dann sitzt man eben da im Pflegeheim und weiß garnichts mehr, "all diese Erinnerungen, verloren im Strom der Zeit, wie Tränen im Regen", reduziert auf das Wesentliche, die Essenz, den funkelnden Kristall der reinen Seele : "Wer sind Sie? Was soll ich hier? Sind Sie der Kondukteur von der Wahrscheinlichkeit (Max Goldt?)? Mein Udo ist schon lange tot..."
Ein Lied, zwei drei vier :
"Ich lauf´n Bahnsteig lang und weiss nich´,
Ob ich hier wegfaa oda was?
Ey, kuck ma´, da kommt´n Schnellzuch und fährt weita.
'N Bulle vonna Bahn taucht auf.
Ich halt' den Brief in meina Hand fest,
Da steht: Du fühlst dich tot wie Stei-ieinnnn
Uääh, und dass du dir jetz´n Wald suchst,
Um dir im Moos ´n Bett zu baun.
Dein Riesensaxofon is´ natürlich auch da und Flöten,
Flöten solln auf der Wiese wachsn
Die alte Frau bezahlt mit Kleingeld-t
Wir wartn auf den nächsten Zu-u-ug
Ich fraach die Alte wo der Wald is´
Sie sacht, mein Udo ist schon lange tot-t
In meina Tasche klebtn Bongbong
Wir steign ein in unsan Zug
Bei Wertheim gab es Salamanda
Ich bring' dir einen mit ins Mo-oo-oossss.
Als ich in Hamburch aus´m Zug steig
Lauf´ ich durch Strassn bis zur Elbe hin.
DOWN TO THE RIVER!
E-Eiejjj!
Da seh' ich dich am Ufer stehn!
Ich fass' dich an und so, du hörst nichts.
Du sagst, du musst zum andan Ufa
Die Fähre fährt am nächsten Tag.
Ich dachte, dass du tief im Wald wohnst.
ICH WUSSTE NICHTS VON DEINEN UFERRRN!"
(Nina Hagen Band - Der Spinner)
Neulich saß Nina mal wieder in irgend´ner Talkshow rum, hab´ ich beim Rumschalten kurz gesehen - gute Güte, ist die schrecklich geworden. Andererseits : wenn man mal sooo gut war, darf man sich schon einige erlauben.
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