Freitag, 26. November 2010

Once in a Lifetime



Donnerstag, 21.10. - verdammt, heute MUSS ich endlich los und den Neuantrag stellen, der Bewilligungszeitraum läuft Ende des Monats aus. Ich gehe immer auf den letzten Drücker zum Amt, man weiß es nicht, irgendwas könnte sich ja mal ergeben. Der Anruf aus Hollywood könnte kommen, eine Revolution ausbrechen, die Erde in die Sonne stürzen, ich könnte einen angemessenen Job finden, weiß der Geier. Aber heutzutage ergibt sich nichts mehr einfach so. Wenn Du irgendetwas willst, dann mußt Du rennen und rennen und rennen; und wenn Du garnichts mehr willst, mußt Du erst recht rennen.

“Run, rabbit, run
Dig that hole, forget the sun
And when at last the work is done,
Don´t sit down, it´s time to dig another one.”

Ich will und brauche eine Weiterbewilligung, also muß ich rennen bzw. radeln.
Gleich 14 Uhr, wird Zeit, ab dafür und in den Sattel. Das Amt hat Montag bis Freitag von 8 bis 10:30 geöffnet, Donnerstag zusätzlich von 14 bis 16, Dienstag keine Sprechstunde. Satte 12 Stunden Publikumsverkehr pro Woche. Ich bevorzuge den Donnerstag nachmittag, selten muß ich warten; und wenn, dann kaum länger als ein paar Minuten, manchmal bin ich der einzige Kunde im ganzen Flur. Nach 7 Km und 20 Minuten Fahrzeit docke ich um 14:30 vor dem Amtsgebäude an. Auf dem Flur sitzt und geht so einiges, ich finde “meine” Sachbearbeiterin nicht, weil mal wieder alle SB kunterbunt die Zimmerchen getauscht haben und an der Tür mit ihrem Namen irgendwas von “Selbständigen” steht. Eine freundliche Dame im Info-Büro klärt mich auf - die betreffende SB sei nach wie vor für mich zuständig und auch im Hause.
Ich bedanke mich und wackele retour, niemand wartet vor der Tür. Da Frau ….. just telefoniert, warte ich noch etwa zwei Minuten auf dem Flur. Direkt gegenüber der Tür ist ein Info-Ständer mit Jobangeboten aufgebaut. Ich überfliege die Din A4-Ausdrucke, eines der Angebote käme für mich halbwegs in Betracht - die ausgeschriebene Arbeitsstelle ist befristet bis zum 31.12.2010, das Datum unten auf dem Ausdruck lautet 5.10.2010.

Dann bittet mich Frau ….. herein. Ich nenne meinen Namen und mein Begehr, sie reicht mir ein Formular, auf dem ich eventuelle Änderungen in meinen Lebensumständen vermerken soll. Ich mache bei jedem “Nein” ein Kreuz und unterschreibe. Dann werde ich gefragt, ob meine Miete und die Stromrechnung regelmäßig gezahlt werden, was ich bestätigen kann (die Miete wird direkt an den Vermieter überwiesen), und ob sich denn bei mir etwas geändert habe, was ich verneine. Frau ….. überfliegt meine Kontoauszüge und erklärt, sie würde dann den neuen Bescheid ausfertigen und mir zuschicken. Und damit wäre diese Kommunikation eigentlich beendet, wenn da nicht noch die Sache mit diesem Brief wäre.

Ende Juli d.J. hatte ich nämlich ein amtliches Schreiben erhalten, in dem mich die mir gegenübersitzende junge Dame darum ersuchte, mir eine kostengünstigere Behausung zu suchen, da in meiner derzeitigen die monatliche Heizkostenpauschale um ca. 12 € über dem Höchstsatz liege. Meine Bemühungen möge ich ihr monatlich nachweisen, Kosten für eventuelle Annoncen könnten nicht erstattet werden.
(Nun habe ich die jetzige Wohnung erst am 1.1.2010 bezogen, der Wohnungswechsel war unter anderem deshalb erforderlich, da mir in der vorherigen wegen zu hoher Heizkosten der Regelsatz um 50€/Monat gekürzt worden war. Gegen diese Kürzung hatte ich Widerspruch eingelegt, dem allerdings erst nach 12 Monaten Bearbeitungszeit und einer zwischenzeitlichen Erinnerung meinerseits abgeholfen wurde - allerdings war ich da bereits längst umgezogen. Die einbehaltenen Beträge wurden nacherstattet. Da nun in der neuen Wohnung die Heizkosten abermals zu hoch sind, allerdings eine Kürzung der Regelleistung nicht mehr möglich ist, lautet die logische Konsequenz : erneuter Umzug.)

Frau ….. weiß nichts mehr von diesem Schreiben, findet nichts dazu im PC, wird dann jedoch in meiner Akte fündig. Ich führe dazu aus, daß
- fraglichem Schreiben keine Rechtsfolgenbelehrung beigefügt war,
- weise auf meinen Widerspruch gegen die vorherige Kürzung und auf das dazu herangezogene Urteil des Bundessozialgerichtes hin, demzufolge die Heizkosten in tatsächlicher Höhe zu erstatten sind,
- und füge hinzu, daß ich nach einer neuen Wohnung in Internet und Umsonstzeitungen suche und ihr das schlecht nachweisen kann, sowie
- daß ich sparsam heize und die tatsächlichen Heizkosten erst nach der Ablesung zum Jahresende feststehen werden.
Frau ….. entgegnet, die Rechtsfolgenbelehrung würde mir mit dem neuen Bewilligungsbescheid zugehen, und wenn ich denn sparsam heizen würde, könnte der Vermieter ja jetzt schon die monatliche Pauschale senken. Das werde er ohne Abrechnung kaum tun, so mein Einwand, wir sollten doch bis zum Jahresende warten und dann weitersehen. So sei es, spricht die Sachbearbeiterin, wir wünschen uns einen schönen Tag, und Elvis verläßt das Gebäude.

Danach sitze ich noch eine Weile bei einem Bekannten zum Schnacken; eben jener ist Mitte 50 und hat kürzlich ebenfalls das Hartz IV-Level erreicht. Nachdem er eine Reihe von Jahren Kühlschrank-Kompressoren gebaut hatte, verlegte seine Firma die gesamte Produktion ins Ausland und entließ den Großteil der Belegschaft in eine Auffang-Gesellschaft.
Als ich mich auf den Heimweg mache, hat es sich draußen eingeregnet. Kälte, Regen und erstmal einen guten Kilometer bergauf. Was soll´s, ich bin Prekarianer, die Bedeutung des Wortes “Schmerz” ist mir unbekannt. Damals, bei den Thermopylen, mit 300 Mann gegen Xerxes´ 50.000 - DAS war Streß.
Unter der Kapuze trage ich die Kopfhörer meines mp3, auf halber Strecke spielt er “Once in a Lifetime” von den Talking Heads. Die Essenz der 1980er Jahre, eingedampft auf dreieinhalb Minuten. Wer dieses Jahrzehnt verpaßt hat, aufgrund später Geburt oder wegen langfristiger Bewußtlosigkeit, hat Pech gehabt. In den letzten 20 Jahren ist die Welt irgendwie müder und mürber geworden, träge taumelt sie um die Sonne, alles läuft immer schneller und alles ist so schön bunt; aber irgendwie ist es so, als würde man in einer Endlos-Warteschleife hängen, sie spielen immer wieder das gleiche Lied, nur immer lauter und schriller, um Dich am Telefon zu halten. Eigentlich willst Du schon längst auflegen, aber irgendwann MUSS doch endlich mal jemand in der Leitung sein, der Deine Fragen beantworten kann. Manchmal sehe ich aus dem Augenwinkel etwas aufblitzen und weiß nicht, ob wieder irgendwo ein Feuerwerk abbrennt oder vielleicht nur ein Echo von früher durch meine Neuronen zuckt. Wenn ich hinsehe, ist da nichts.

Regentropfen prasseln auf meine Kapuze, David Byrne singt in meine Ohren :

“And you may find yourself living in a shotgun shack
And you may find yourself in another part of the world
And you may find yourself behind the wheel of a large automobile
And you may find yourself in a beautiful house, with a beautiful
wife
And you may ask yourself-Well…How did I get here?

Letting the days go by/let the water hold me down
Letting the days go by/water flowing underground
Into the blue again/after the money’s gone
Once in a lifetime/water flowing underground.

And you may ask yourself
How do I work this?
And you may ask yourself
Where is that large automobile?
And you may tell yourself
This is not my beautiful house!
And you may tell yourself
This is not my beautiful wife!
……..
Same as it ever was…Same as it ever was…Same as it ever was…
Same as it ever was…Same as it ever was…Same as it ever was…
Same as it ever was…Same as it ever was…”

Um 18 Uhr stehe ich wieder in meiner unangemessen teuren Wohnung, naß aber gut gelaunt, durchgepustet und angenehm erschöpft von der Fahrt. Das ist besser als ein großes Auto.

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