Montag, 6. Dezember 2010
Der verdammt beste Showdown überhaupt
(Quelle : youtube)
Das Ende von "Dead or Alive : Hanzaisha", Japan 1999, Regie - Takashi Miike
Mittwoch, 1. Dezember 2010
O des verfluchten Geschlechts
Traum und Umnachtung (von Georg Trakl)
"(Am Abend ward zum Greis der Vater; in dunklen Zimmern versteinerte das Antlitz der Mutter und auf dem Knaben lastete der Fluch des entarteten Geschlechts. Manchmal erinnerte er sich seiner Kindheit, erfüllt von Krankheit, Schrecken und Finsternis, verschwiegener Spiele im Sternengarten, oder daß er die Ratten fütterte im dämmernden Hof.) Aus blauem Spiegel trat die schmale Gestalt der Schwester und er stürzte wie tot ins Dunkel. Nachts brach sein Mund gleich einer roten Frucht auf und die Sterne erglänzten über seiner sprachlosen Trauer. Seine Träume erfüllten das alte Haus der Väter. Am Abend ging er gerne über den verfallenen Friedhof, oder er besah in dämmernder Totenkammer die Leichen, die grünen Flecken der Verwesung auf ihren schönen Händen. An der Pforte des Klosters bat er um ein Stück Brot; der Schatten eines Rappen sprang aus dem Dunkel und erschreckte ihn. Wenn er in seinem kühlen Bette lag, überkamen ihn unsägliche Tränen. Aber es war niemand, der die Hand auf seine Stirne gelegt hätte. Wenn der Herbst kam, ging er, ein Hellseher, in brauner Au. O, die Stunden wilder Verzückung, die Abende am grünen Fluß, die Jagden. O, die Seele, die leise das Lied des vergilbten Rohrs sang; feurige Frömmigkeit. Stille sah er und lang in die Sternenaugen der Kröte, befühlte mit erschauernden Händen die Kühle des alten Steins und besprach die ehrwürdige Sage des blauen Quells. O, die silbernen Fische und die Früchte, die von verkrüppelten Bäumen fielen. Die Akkorde seiner Schritte erfüllten ihn mit Stolz und Menschenverachtung. Am Heimweg traf er ein unbewohntes Schloß. Verfallene Götter standen im Garten, hintrauernd am Abend. Ihm aber schien: hier lebte ich vergessene Jahre. Ein Orgelchoral erfüllte ihn mit Gottes Schauern. Aber in dunkler Höhle verbrachte er seine Tage, log und stahl und verbarg sich, ein flammender Wolf, vor dem weißen Antlitz der Mutter. O, die Stunde, da er mit steinernem Munde im Sternengarten hinsank, der Schatten des Mörders über ihn kam. Mit purpurner Stirne ging er ins Moor und Gottes Zorn züchtigte seine metallenen Schultern; o, die Birken im Sturm, das dunkle Getier, das seine umnachteten Pfade mied. Haß verbrannte sein Herz, Wollust, da er im grünenden Sommergarten dem schweigenden Kind Gewalt tat, in dem strahlenden sein umnachtetes Antlitz erkannte. Weh, des Abends am Fenster, da aus purpurnen Blumen, ein gräulich Gerippe, der Tod trat. O, ihr Türme und Glocken; und die Schatten der Nacht fielen steinern auf ihn.
Niemand liebte ihn. Sein Haupt verbrannte Lüge und Unzucht in dämmernden Zimmern. Das blaue Rauschen eines Frauengewandes ließ ihn zur Säule erstarren und in der Tür stand die nächtige Gestalt seiner Mutter. Zu seinen Häupten erhob sich der Schatten des Bösen. O, ihr Nächte und Sterne. Am Abend ging er mit dem Krüppel am Berge hin; auf eisigem Gipfel lag der rosige Glanz der Abendröte und sein Herz läutete leise in der Dämmerung. Schwer sanken die stürmischen Tannen über sie und der rote Jäger trat aus dem Wald. Da es Nacht ward, zerbrach kristallen sein Herz und die Finsternis schlug seine Stirne. Unter kahlen Eichbäumen erwürgte er mit eisigen Händen eine wilde Katze. Klagend zur Rechten erschien die weiße Gestalt eines Engels, und es wuchs im Dunkel der Schatten des Krüppels. Er aber hob einen Stein und warf ihn nach jenem, daß er heulend floh, und seufzend verging im Schatten des Baums das sanfte Antlitz des Engels. Lange lag er auf steinigem Acker und sah staunend das goldene Zelt der Sterne. Von Fledermäusen gejagt, stürzte er fort ins Dunkel. Atemlos trat er ins verfallene Haus. Im Hof trank er, ein wildes Tier, von den blauen Wassern des Brunnens, bis ihn fror. Fiebernd saß er auf der eisigen Stiege, rasend gen Gott, daß er stürbe. O, das graue Antlitz des Schreckens, da er die runden Augen über einer Taube zerschnittener Kehle aufhob. Huschend über fremde Stiegen begegnete er einem Judenmädchen und er griff nach ihrem schwarzen Haar und er nahm ihren Mund. Feindliches folgte ihm durch finstere Gassen und sein Ohr zerriß ein eisernes Klirren. An herbstlichen Mauern folgte er, ein Mesnerknabe, stille dem schweigenden Priester; unter verdorrten Bäumen atmete er trunken den Scharlach jenes ehrwürdigen Gewands. O, die verfallene Scheibe der Sonne. Süße Martern verzehrten sein Fleisch. In einem verödeten Durchhaus erschien ihm starrend von Unrat seine blutende Gestalt. Tiefer liebte er die erhabenen Werke des Steins; den Turm, der mit höllischen Fratzen nächtlich den blauen Sternenhimmel stürmt; das kühle Grab, darin des Menschen feuriges Herz bewahrt ist. Weh, der unsäglichen Schuld, die jenes kundtut. Aber da er Glühendes sinnend den herbstlichen Fluß hinabging unter kahlen Bäumen hin, erschien in härenem Mantel ihm, ein flammender Dämon, die Schwester. Beim Erwachen erloschen zu ihren Häuptern die Sterne.
O des verfluchten Geschlechts. Wenn in befleckten Zimmern jegliches Schicksal vollendet ist, tritt mit modernden Schritten der Tod in das Haus. O, daß draußen Frühling wäre und im blühenden Baum ein lieblicher Vogel singe. Aber gräulich verdorrt das spärliche Grün an den Fenstern der Nächtlichen und es sinnen die blutenden Herzen noch Böses. O, die dämmernden Frühlingswege des Sinnenden. Gerechter erfreut ihn die blühende Hecke, die junge Saat des Landmanns und der singende Vogel, Gottes sanftes Geschöpf; die Abendglocke und die schöne Gemeine der Menschen. Daß er seines Schicksals vergäße und des dornigen Stachels. Frei ergrünt der Bach, wo silbern wandelt sein Fuß, und ein sagender Baum rauscht über dem umnachteten Haupt ihm. Also hebt er mit schmächtiger Hand die Schlange, und in feurigen Tränen schmolz ihm das Herz hin. Erhaben ist das Schweigen des Walds, ergrüntes Dunkel und das moosige Getier, aufflatternd, wenn es Nacht wird. O der Schauer, da jegliches seine Schuld weiß, dornige Pfade geht. Also fand er im Dornenbusch die weiße Gestalt des Kindes, blutend nach dem Mantel seines Bräutigams. Er aber stand vergraben in sein stählernes Haar stumm und leidend vor ihr. O die strahlenden Engel, die der purpurne Nachtwind zerstreute. Nachtlang wohnte er in kristallener Höhle und der Aussatz wuchs silbern auf seiner Stirne. Ein Schatten ging er den Saumpfad hinab unter herbstlichen Sternen. Schnee fiel, und blaue Finsternis erfüllte das Haus. Eines Blinden klang die harte Stimme des Vaters und beschwor das Grauen. Weh der gebeugten Erscheinung der Frauen. Unter erstarrten Händen verfielen Frucht und Gerät dem entsetzten Geschlecht. Ein Wolf zerriß das Erstgeborene und die Schwestern flohen in dunkle Gärten zu knöchernen Greisen. Ein umnachteter Seher sang jener an verfallenen Mauern und seine Stimme verschlang Gottes Wind. O die Wollust des Todes. O ihr Kinder eines dunklen Geschlechts. Silbern schimmern die bösen Blumen des Bluts an jenes Schläfe, der kalte Mond in seinen zerbrochenen Augen. O, der Nächtlichen; o, der Verfluchten.
Tief ist der Schlummer in dunklen Giften, erfüllt von Sternen und dem weißen Antlitz der Mutter, dem steinernen. Bitter ist der Tod, die Kost der Schuldbeladenen; in dem braunen Geäst des Stamms zerfielen grinsend die irdenen Gesichter. Aber leise sang jener im grünen Schatten des Hollunders, da er aus bösen Träumen erwachte; süßer Gespiele nahte ihm ein rosiger Engel, daß er, ein sanftes Wild, zur Nacht hinschlummerte; und er sah das Sternenantlitz der Reinheit. Golden sanken die Sonnenblumen über den Zaun des Gartens, da es Sommer ward. O, der Fleiß der Bienen und das grüne Laub des Nußbaums; die vorüberziehenden Gewitter. Silbern blühte der Mohn auch, trug in grüner Kapsel unsere nächtigen Sternenträume. O, wie stille war das Haus, als der Vater ins Dunkel hinging. Purpurn reifte die Frucht am Baum und der Gärtner rührte die harten Hände; o die härenen Zeichen in strahlender Sonne. Aber stille trat am Abend der Schatten des Toten in den trauernden Kreis der Seinen und es klang kristallen sein Schritt über die grünende Wiese vorm Wald. Schweigende versammelten sich jene am Tisch; Sterbende brachen sie mit wächsernen Händen das Brot, das blutende. Weh der steinernen Augen der Schwester, da beim Mahle ihr Wahnsinn auf die nächtige Stirne des Bruders trat, der Mutter unter leidenden Händen das Brot zu Stein ward. O der Verwesten, da sie mit silbernen Zungen die Hölle schwiegen. Also erloschen die Lampen im kühlen Gemach und aus purpurnen Masken sahen schweigend sich die leidenden Menschen an. Die Nacht lang rauschte ein Regen und erquickte die Flur. In dorniger Wildnis folgte der Dunkle den vergilbten Pfaden im Korn, dem Lied der Lerche und der sanften Stille des grünen Gezweigs, daß er Frieden fände. O, ihr Dörfer und moosigen Stufen, glühender Anblick. Aber beinern schwanken die Schritte über schlafende Schlangen am Waldsaum und das Ohr folgt immer dem rasenden Schrei des Geiers. Steinige Öde fand er am Abend, Geleite eines Toten in das dunkle Haus des Vaters. Purpurne Wolke umwölkte sein Haupt, daß er schweigend über sein eigenes Blut und Bildnis herfiel, ein mondenes Antlitz; steinern ins Leere hinsank, da in zerbrochenem Spiegel, ein sterbender Jüngling, die Schwester erschien, die Nacht das verfluchte Geschlecht verschlang."
Björk - Army of Me
Mit der Kamera durch die Flensburger FußgängerZone, dazu "Army of Me" von Björk sowie Ausschnitte aus "Constantine" und "Ataque de Pánico! (Panic Attack!)".
Ungefähr SO fühle ich mich, wenn ich durch die Stadt latsche und dabei Musik höre.
Samstag, 27. November 2010
Nomen Nominandum
Bin ich eigentlich der Einzige, dem es furchtbar auf die Nerven geht, daß nach jedem Mord an einem Kind oder Jugendlichen permanent dessen Vorname in allen Medien erwähnt wird? Jedenfalls so lange, bis die Sache vergessen oder die nächste, noch schlimmere Schlimmheit passiert ist und dann darüber berichtet werden muß. Ob es da eine Altersgrenze gibt... vielleicht bis 16 oder so? Bis dahin heißen sie Mirco, Nina und Tobias (bzw. bei der BLÖD natürlich als Diminutivum : Tobi), und danach sind sie dann eben die 17- oder der 18-jährige.
Natürlich ist es offensichtlich, was mit dieser Vornamens-Nennung erreicht werden soll : Der Leser, Zuhörer oder Zuseher wird emotional stärker angesprochen, als wenn da nur die Rede von irgendeinem Kind wäre, und das Verbrechen kann um so besser und ergiebiger ausgeschlachtet werden. Und genau dieses billige Tränendrüsen-Gedrücke kotzt mich so an. Glaubt wirklich irgendjemand, dieses Journalistengesocks würde Mitgefühl oder sowas empfinden? Derjenige sollte dann mal das "Hans Esser"-Buch von Wallraff lesen.
Warum sollte ich denn eigentlich betroffener über den Mord an einer 14jährigen als über den an einer 40jährigen sein? Wohl, weil die erstere "ihr Leben noch vor sich hat". WAS für ein Leben die da noch vor sich gehabt hätte, interessiert niemanden. Wenn ich mir den Zustand der Welt und die Zukunftsaussichten so betrachte...
Smells like ovary spirit
(Fotos aus "Was sie schon immer über Sex wissen wollten..." von Woody Allen)
Gestern in irgendeiner Infotainment-Sendung : die weibliche Eizelle lockt das Spermium mit Hilfe eines künstlich erzeugten Maiglöckchen-Geruches an. MAIGLÖCKCHEN?! Wie schwul ist denn das?
The Hole You´re In
In den letzten Wochen lebe ich wie ein Einzeller : Nahrung aufnehmen, verdauen, ausscheiden. Ich denke wenig, und wenn, dann meist in Vokalen : Aaaa, Eeee, Iiii, Oooo, Uuuuuuuuuuuu. Von der Welt da draußen bekomme ich kaum etwas mit; vor "meinen" Fenstern ist es mal hell, mal dunkel, und das war es auch schon....
Ich hocke teilnahmslos auf dem Beifahrersitz und lasse die Kamera laufen, und ein anderer fährt mich durch mein Leben. Keine Ahnung, wo es hingeht, ist mir auch scheißegal.
In "Leavin Las Vegas" checkt Nicolas Cage in einem Motel namens "The Whole Year Inn" ein, und vor seinem geistigen Auge verändern sich die Buchstaben zu "The Hole You´re In". Genau in diesem Loch hocke ich - wenn ich gelegentlich den Kopf rausstrecke, sehe ich eine Welt, die ich nicht verstehe, die mich anödet und in der ich nicht leben will.
Freitag, 26. November 2010
Once in a Lifetime
Donnerstag, 21.10. - verdammt, heute MUSS ich endlich los und den Neuantrag stellen, der Bewilligungszeitraum läuft Ende des Monats aus. Ich gehe immer auf den letzten Drücker zum Amt, man weiß es nicht, irgendwas könnte sich ja mal ergeben. Der Anruf aus Hollywood könnte kommen, eine Revolution ausbrechen, die Erde in die Sonne stürzen, ich könnte einen angemessenen Job finden, weiß der Geier. Aber heutzutage ergibt sich nichts mehr einfach so. Wenn Du irgendetwas willst, dann mußt Du rennen und rennen und rennen; und wenn Du garnichts mehr willst, mußt Du erst recht rennen.
“Run, rabbit, run
Dig that hole, forget the sun
And when at last the work is done,
Don´t sit down, it´s time to dig another one.”
Ich will und brauche eine Weiterbewilligung, also muß ich rennen bzw. radeln.
Gleich 14 Uhr, wird Zeit, ab dafür und in den Sattel. Das Amt hat Montag bis Freitag von 8 bis 10:30 geöffnet, Donnerstag zusätzlich von 14 bis 16, Dienstag keine Sprechstunde. Satte 12 Stunden Publikumsverkehr pro Woche. Ich bevorzuge den Donnerstag nachmittag, selten muß ich warten; und wenn, dann kaum länger als ein paar Minuten, manchmal bin ich der einzige Kunde im ganzen Flur. Nach 7 Km und 20 Minuten Fahrzeit docke ich um 14:30 vor dem Amtsgebäude an. Auf dem Flur sitzt und geht so einiges, ich finde “meine” Sachbearbeiterin nicht, weil mal wieder alle SB kunterbunt die Zimmerchen getauscht haben und an der Tür mit ihrem Namen irgendwas von “Selbständigen” steht. Eine freundliche Dame im Info-Büro klärt mich auf - die betreffende SB sei nach wie vor für mich zuständig und auch im Hause.
Ich bedanke mich und wackele retour, niemand wartet vor der Tür. Da Frau ….. just telefoniert, warte ich noch etwa zwei Minuten auf dem Flur. Direkt gegenüber der Tür ist ein Info-Ständer mit Jobangeboten aufgebaut. Ich überfliege die Din A4-Ausdrucke, eines der Angebote käme für mich halbwegs in Betracht - die ausgeschriebene Arbeitsstelle ist befristet bis zum 31.12.2010, das Datum unten auf dem Ausdruck lautet 5.10.2010.
Dann bittet mich Frau ….. herein. Ich nenne meinen Namen und mein Begehr, sie reicht mir ein Formular, auf dem ich eventuelle Änderungen in meinen Lebensumständen vermerken soll. Ich mache bei jedem “Nein” ein Kreuz und unterschreibe. Dann werde ich gefragt, ob meine Miete und die Stromrechnung regelmäßig gezahlt werden, was ich bestätigen kann (die Miete wird direkt an den Vermieter überwiesen), und ob sich denn bei mir etwas geändert habe, was ich verneine. Frau ….. überfliegt meine Kontoauszüge und erklärt, sie würde dann den neuen Bescheid ausfertigen und mir zuschicken. Und damit wäre diese Kommunikation eigentlich beendet, wenn da nicht noch die Sache mit diesem Brief wäre.
Ende Juli d.J. hatte ich nämlich ein amtliches Schreiben erhalten, in dem mich die mir gegenübersitzende junge Dame darum ersuchte, mir eine kostengünstigere Behausung zu suchen, da in meiner derzeitigen die monatliche Heizkostenpauschale um ca. 12 € über dem Höchstsatz liege. Meine Bemühungen möge ich ihr monatlich nachweisen, Kosten für eventuelle Annoncen könnten nicht erstattet werden.
(Nun habe ich die jetzige Wohnung erst am 1.1.2010 bezogen, der Wohnungswechsel war unter anderem deshalb erforderlich, da mir in der vorherigen wegen zu hoher Heizkosten der Regelsatz um 50€/Monat gekürzt worden war. Gegen diese Kürzung hatte ich Widerspruch eingelegt, dem allerdings erst nach 12 Monaten Bearbeitungszeit und einer zwischenzeitlichen Erinnerung meinerseits abgeholfen wurde - allerdings war ich da bereits längst umgezogen. Die einbehaltenen Beträge wurden nacherstattet. Da nun in der neuen Wohnung die Heizkosten abermals zu hoch sind, allerdings eine Kürzung der Regelleistung nicht mehr möglich ist, lautet die logische Konsequenz : erneuter Umzug.)
Frau ….. weiß nichts mehr von diesem Schreiben, findet nichts dazu im PC, wird dann jedoch in meiner Akte fündig. Ich führe dazu aus, daß
- fraglichem Schreiben keine Rechtsfolgenbelehrung beigefügt war,
- weise auf meinen Widerspruch gegen die vorherige Kürzung und auf das dazu herangezogene Urteil des Bundessozialgerichtes hin, demzufolge die Heizkosten in tatsächlicher Höhe zu erstatten sind,
- und füge hinzu, daß ich nach einer neuen Wohnung in Internet und Umsonstzeitungen suche und ihr das schlecht nachweisen kann, sowie
- daß ich sparsam heize und die tatsächlichen Heizkosten erst nach der Ablesung zum Jahresende feststehen werden.
Frau ….. entgegnet, die Rechtsfolgenbelehrung würde mir mit dem neuen Bewilligungsbescheid zugehen, und wenn ich denn sparsam heizen würde, könnte der Vermieter ja jetzt schon die monatliche Pauschale senken. Das werde er ohne Abrechnung kaum tun, so mein Einwand, wir sollten doch bis zum Jahresende warten und dann weitersehen. So sei es, spricht die Sachbearbeiterin, wir wünschen uns einen schönen Tag, und Elvis verläßt das Gebäude.
Danach sitze ich noch eine Weile bei einem Bekannten zum Schnacken; eben jener ist Mitte 50 und hat kürzlich ebenfalls das Hartz IV-Level erreicht. Nachdem er eine Reihe von Jahren Kühlschrank-Kompressoren gebaut hatte, verlegte seine Firma die gesamte Produktion ins Ausland und entließ den Großteil der Belegschaft in eine Auffang-Gesellschaft.
Als ich mich auf den Heimweg mache, hat es sich draußen eingeregnet. Kälte, Regen und erstmal einen guten Kilometer bergauf. Was soll´s, ich bin Prekarianer, die Bedeutung des Wortes “Schmerz” ist mir unbekannt. Damals, bei den Thermopylen, mit 300 Mann gegen Xerxes´ 50.000 - DAS war Streß.
Unter der Kapuze trage ich die Kopfhörer meines mp3, auf halber Strecke spielt er “Once in a Lifetime” von den Talking Heads. Die Essenz der 1980er Jahre, eingedampft auf dreieinhalb Minuten. Wer dieses Jahrzehnt verpaßt hat, aufgrund später Geburt oder wegen langfristiger Bewußtlosigkeit, hat Pech gehabt. In den letzten 20 Jahren ist die Welt irgendwie müder und mürber geworden, träge taumelt sie um die Sonne, alles läuft immer schneller und alles ist so schön bunt; aber irgendwie ist es so, als würde man in einer Endlos-Warteschleife hängen, sie spielen immer wieder das gleiche Lied, nur immer lauter und schriller, um Dich am Telefon zu halten. Eigentlich willst Du schon längst auflegen, aber irgendwann MUSS doch endlich mal jemand in der Leitung sein, der Deine Fragen beantworten kann. Manchmal sehe ich aus dem Augenwinkel etwas aufblitzen und weiß nicht, ob wieder irgendwo ein Feuerwerk abbrennt oder vielleicht nur ein Echo von früher durch meine Neuronen zuckt. Wenn ich hinsehe, ist da nichts.
Regentropfen prasseln auf meine Kapuze, David Byrne singt in meine Ohren :
“And you may find yourself living in a shotgun shack
And you may find yourself in another part of the world
And you may find yourself behind the wheel of a large automobile
And you may find yourself in a beautiful house, with a beautiful
wife
And you may ask yourself-Well…How did I get here?
Letting the days go by/let the water hold me down
Letting the days go by/water flowing underground
Into the blue again/after the money’s gone
Once in a lifetime/water flowing underground.
And you may ask yourself
How do I work this?
And you may ask yourself
Where is that large automobile?
And you may tell yourself
This is not my beautiful house!
And you may tell yourself
This is not my beautiful wife!
……..
Same as it ever was…Same as it ever was…Same as it ever was…
Same as it ever was…Same as it ever was…Same as it ever was…
Same as it ever was…Same as it ever was…”
Um 18 Uhr stehe ich wieder in meiner unangemessen teuren Wohnung, naß aber gut gelaunt, durchgepustet und angenehm erschöpft von der Fahrt. Das ist besser als ein großes Auto.
Donnerstag, 25. November 2010
Gold gab ich für Eisen - dabei sein ist alles
(geschrieben am 11.9.2010)
Eine meiner beiden Großmütter soll im Verlaufe der zweiten größeren deutschen Auslandsmission im vergangenen Jahrhundert unter anderem folgende Begebenheit beobachtet haben : Nach einem Bombenangriff auf die Stadt Bonn standen angeblich zwei ältere Schwestern vor ihrem lichterloh brennenden Haus und freuten sich - "Endlich sind wir diesen ganzen Kram los, den wir unser Leben lang angesammelt haben und mit uns herumschleppen mußten." Egal, ob das nun wirklich in dieser Form passiert ist oder nicht... so und nicht anders sollte die angemessene Reaktion auf derartige Ereignisse aussehen, ganz im Sinne der Fight-Club-Philosophie "Dinge, die Du besitzt, besitzen früher oder später Dich", aus der folgt, daß man materielle Verluste nicht etwa beklagen, sondern diese als Befreiung von Zwängen begrüßen sollte. Und sollte es sich denn fürwahr derart zugetragen haben, so waren die zwei Damen vom Niederrhein würdige Seelenverwandte des mächtigen Tyler Durden.
Bedauerlicherweise ist diese sportliche Einstellung heutzutage äußerst selten zu beobachten, genau genommen so gut wie gar nicht. Im Gegenteil, es wird gejammert, geheult und gewehklagt, daß sich die Balken biegen - "Bohooo, mein 71er E-Type V12 hat `nen Sprung im Scheinwerferglas, da gibt´s doch keine Ersatzteile mehr für, ich hab schon bei E-Bay geguckt.... mein schönes Auto! Was ist das für ein Gott, der sowas zuläßt?!" Oder, ein paar Einkommensklassen tiefer - "Fuck, dieses Scheiß-Sozialzentrum will nicht die Kosten für die 60 Kondome übernehmen, die ich im Monat brauche - und wenn ich nicht zweimal am Tag ein Rohr verlegen kann, geh´ ich die Wände hoch! Wo ist diese verdammte Katze?! Miez-miez-miez." ("Oh nein, NICHT Tinker Bell!" - Charles Bukowski)
Wo bleibt der olympische Gedanke, wenn es darum geht, auf etwas zu verzichten oder verzichten zu müssen... Allerorten und ständig findet Wettbewerb statt : Wer hat den Längsten, wer kann mehr Bier trinken ohne zu kotzen, wer verdient mehr, wer kommt als Erster an der Ampel los? Und immer geht dieser Wettkampf nur in eine Richtung - schneller, höher, weiter, fetter, geiler und vor allem : MEHR. In die andere Richtung geht es nur in einer einzigen Beziehung - weniger bezahlen. "Alter! Ohne Gummi, mit richtig küssen, in alle Löcher UND mit Schlucken, und die Torte sah sogar richtig gut aus, und alles für´n Zwanni! Und nu´ kommst DU!" "Geil, Alter." Und wenn es irgend geht, drückt man sich dann später beim Facharzt noch um die Praxisgebühr.
Wettbewerbe, bei denen es z.B. darum geht, bei möglichst geringem Energieaufwand möglichst weit zu kommen, sind grundsätzlich Sache von Sonderlingen und Spinnern. Als ich bei meinen derzeitigen Vermietern zum Kennenlern-Gespräch in strömendem Regen mit dem Fahrrad erschien, lautete die erste Frage "Bist Du´n Ökofreak, oder was?" Mit dem Hinweis darauf, daß ich einfach keinen "Lappen" mehr besitze, konnte ich diese Befürchtung zerstreuen... zur Rettung meiner Ehre sei erwähnt, daß ich direkt nachschob : "So was wie ein Ökofreak bin ich allerdings auch".
Und auch die Leute, die gezwungenermaßen sparen müssen, denken garnicht nicht daran, auf irgendetwas zu verzichten; den Meisten geht es lediglich darum, den gewohnten Lebensstandard irgendwie aufrecht zu erhalten. In einem online-Erwerbslosenforum, das ich gelegentlich aufsuche, gibt es einen ellenlangen Thread "Tipps und Tricks zum Sparen". Neben einigen wenigen wirklich guten Hinweisen, wie etwa dem auf die gute alte Kochkiste ("Und noch nach dem 2. Weltkrieg wurden die Kochkisten z. B. während der Berlinblockade genutzt, um mit dem nur nachts kurz verfügbaren Strom Essen anzukochen und bis Mittags fertig garen zu lassen." Wikipedia), geht es vorrangig darum, irgendwie so viel wie möglich für möglichst wenig Geld in den Backentaschen zu hamstern. Meine Lieblings-Kandidaten sind diejenigen, welche ernsthaft empfehlen, per Internet Sonderangebote herauszusuchen und diese dann per Automobil abzugreifen.... ein paar Milliarden Zeitgenossen wären vermutlich über eine solche Form der Armut überglücklich; jedenfalls für eine gewisse Zeit - so lange nämlich, bis sie bemerken, daß ihr Nachbar sich jeden zweiten Tag Schampus und Hummer in´s Haus liefern läßt, und ihnen auffällt, wie schlecht es ihnen doch geht.
Geiz ist geil, aber der Verzicht ist einfach keine Option. No way. Verzichtet wird erst dann, wenn es wirklich an´s Eingemachte geht. "Gold gab ich für Eisen" heißt es nur, wenn Krieg ist. Irgendwo liegt bei mir noch ein Eisenring aus dem ersten Weltkrieg herum, auf dem dieser Slogan zu lesen ist. Der Kaiser rief, und alle alle kamen. "Auch wenn die Aktion freiwillig war, so wurde ein erheblicher sozialer Druck erzeugt, sich zu beteiligen. Die Soziale Kontrolle der Beteiligung war einfach: Wer den eisernen Schmuck trug, hatte sich als Patriot erwiesen, wer weiter Gold zeigte, verlor an Reputation." (Wikipedia)
Während der zweiten großen Loveparade rief dann der Führer, und so gaben sie ihr Eisen für einen feuchten Händedruck und um einmal stolz in die Kamera der Wochenschau grinsen zu dürfen. Die soziale Kontrolle sah dann wohl so aus : "Wie, Du hast ein Fahrrad?! Volksverräter! BLOCKWART!!" Vielleicht wird ja bald dazu aufgerufen, Mobiltelefone zu spenden. Seltene Metalle wie Tantal und Indium werden knapp, und die wird man brauchen, um die vielen intelligenten Bomben und Kampfdrohnen zu bauen... Was es wohl zur Belohnung geben wird? Aktien vielleicht. Papier gibt´s ja noch in Hülle und Fülle. "Mein Nokia gab ich für Dividende." Hoffentlich drucken sie die Teile mit weichem Papier, damit man sich damit wenigstens den Arsch abwischen kann.
Der wahre Weg ist es vielleicht, nicht nur den Verzicht auf materiellen Besitz zu üben und anzustreben, sondern auch den auf geistiges Eigentum - auf diese ganzen Erinnerungen und Gedanken, die man über die Jahre angesammelt hat. Alzheimers way.... Dann sitzt man eben da im Pflegeheim und weiß garnichts mehr, "all diese Erinnerungen, verloren im Strom der Zeit, wie Tränen im Regen", reduziert auf das Wesentliche, die Essenz, den funkelnden Kristall der reinen Seele : "Wer sind Sie? Was soll ich hier? Sind Sie der Kondukteur von der Wahrscheinlichkeit (Max Goldt?)? Mein Udo ist schon lange tot..."
Ein Lied, zwei drei vier :
"Ich lauf´n Bahnsteig lang und weiss nich´,
Ob ich hier wegfaa oda was?
Ey, kuck ma´, da kommt´n Schnellzuch und fährt weita.
'N Bulle vonna Bahn taucht auf.
Ich halt' den Brief in meina Hand fest,
Da steht: Du fühlst dich tot wie Stei-ieinnnn
Uääh, und dass du dir jetz´n Wald suchst,
Um dir im Moos ´n Bett zu baun.
Dein Riesensaxofon is´ natürlich auch da und Flöten,
Flöten solln auf der Wiese wachsn
Die alte Frau bezahlt mit Kleingeld-t
Wir wartn auf den nächsten Zu-u-ug
Ich fraach die Alte wo der Wald is´
Sie sacht, mein Udo ist schon lange tot-t
In meina Tasche klebtn Bongbong
Wir steign ein in unsan Zug
Bei Wertheim gab es Salamanda
Ich bring' dir einen mit ins Mo-oo-oossss.
Als ich in Hamburch aus´m Zug steig
Lauf´ ich durch Strassn bis zur Elbe hin.
DOWN TO THE RIVER!
E-Eiejjj!
Da seh' ich dich am Ufer stehn!
Ich fass' dich an und so, du hörst nichts.
Du sagst, du musst zum andan Ufa
Die Fähre fährt am nächsten Tag.
Ich dachte, dass du tief im Wald wohnst.
ICH WUSSTE NICHTS VON DEINEN UFERRRN!"
(Nina Hagen Band - Der Spinner)
Neulich saß Nina mal wieder in irgend´ner Talkshow rum, hab´ ich beim Rumschalten kurz gesehen - gute Güte, ist die schrecklich geworden. Andererseits : wenn man mal sooo gut war, darf man sich schon einige erlauben.
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